Wilhelmshorst

Die Waldgemeinde in Brandenburg

Mut in dunklen Zeiten

Das Michendorfer „Parteihaus“ erzählt deutsche Geschichte
Häuser können sich nicht wehren, wenn das Unheil über sie kommt. Über das Haus in der Bahnstraße 26 in Michendorf kam das Unheil 1938. Im Volksmund heißt es heute noch „Parteihaus“. Dabei waren es nur sieben Jahre, in denen die NSDAP das Kommando in dem Gemäuer führte.

Als der braune Ungeist noch in der Flasche steckte und niemand etwas von der kommenden Tragödie ahnte, hatte der Berliner Arzt Henry Levy-Jessel in dem Haus ein Sanatorium für jüdische Kinder aus Berlin eingerichtet. Hier konnten die Kinder Krankheiten auskurieren oder ihre Ferien verbringen. Das war in der Zeit der Weimarer Republik. Levy-Jessel, der jüdische Mediziner, war damals in Michendorf ein angesehener Mann, sagt Ortshistoriker Hans-Joachim Strich, der sich auf die Spur der Geschichte gemacht hat. „Levy-Jessel setzte sich auch für eine Privatschule im Ort ein“, weiß er. Die Privatschule wurde dann auch gegründet und im Haus der damaligen Volksschule in der Poststraße 1, dem heutigen Bauamt, mit untergebracht.

Die Zeiten aber änderten sich. Nach der Machtübernahme der Nazis kam das Aus für die Privatschule. Später nahmen sie auch das Haus in der Bahnstraße 26 ins Visier. Als die Drangsalierung begann, waren schon keine jüdischen Kinder mehr im Sanatorium. Wann genau es geschlossen wurde, ist unklar. Heimatforscher Strich schätzt, dass es 1937 war. Der Kinderarzt wohnte mit seiner Frau Rosa in der Villa hinter dem Sanatorium. Die schlimmsten Zeiten musste er nicht mehr miterleben. Er starb am 26. August 1938 – Wochen vor der Reichspogromnacht am 9. November. Sein Grab entdeckte Hans-Joachim Strich viele Jahre später auf dem jüdischen Friedhof in Potsdam.

Ehefrau Rosa wehrte sich nach dem Tod ihres Mannes mit einem Anwalt gegen die örtlichen Nazi-Führer, die nach dem Haus griffen. Sie sollten wenigstens dafür bezahlen. Rosa Levy-Jessel hatte keine Chance. „Ihr wurde zwar eine Summe zugestanden, das Geld aber hat sie nie gesehen“, sagt Strich. In einem Brief teilte ein Gauleiter aus Berlin-Brandenburg dem Michendorfer Ortsgruppenleiter mit, es sei jetzt geklärt, dass das Haus des Juden Levy der NSDAP-Ortsgruppe gehört. Hab und Gut wurden faktisch beschlagnahmt, das Kindersanatorium zum „Haus der NSDAP“ erklärt.

Das „Parteihaus“ steht indes nicht nur für das düstere Kapitel deutscher Geschichte, es ist auch mit einer Michendorfer Geschichte verbunden, die zeigt, dass es in den dunklen Zeiten mutige Menschen gab. Als Rosa Levy Haus und Grundstück verlassen musste, fand sie bei der Michendorferin Frieda Sydow Unterschlupf, bevor die Jüdin später bei Verwandten in Berlin unterkam. Von dort gelang ihr die Flucht aus Deutschland, die sie nach Palästina geführt haben soll.

Frieda Sydow half weiteren jüdischen Frauen, nahm sie zwischenzeitlich auf dem Bauernhof der Familie auf. Die Verfolgten dankten es der Michendorferin später, sendeten Päckchen und Briefe. Darunter war auch ein Dankesbrief des Bruders von Rosa. Er schrieb: „Ich wünschte es gebe mehr Sydows und weniger Hitlers und Goerings.“
Von Jens Steglich [Bericht mit Fotos MAZ,22.11.08]

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