Wilhelmshorst

Die Waldgemeinde in Brandenburg

„Ein Baum ist 100 000 Euro wert“

~ Neue Wilhelmshorster Initiative will die grüne Seele des Ortes retten – der Maler Horst Halling ist ihr Sprecher _

In Sorge um den besonderen Charme von Wilhelmshorst haben Bürger des Ortes eine Initiative gegründet, die sich „Wilhelmshorst Plus“ nennt. Sie will den unverwechselbaren Waldcharakter der Siedlung erhalten und unnötige Baumfällungen verhindern. Sprecher der Bürgerinitiative ist der Maler und Physiker Horst Halling. Mit ihm sprach Jens Steglich.

MAZ: Was ist das für ein Geräusch für Sie, wenn im Ort eine Motorsäge kreischt?

Horst Halling: Es ist ein sehr hässliches Geräusch. Ich bin ein großer Baumfreund, mir tut das wirklich weh. Aber ich glaube, das geht sehr vielen Leuten so.

Will die neue Bürgerinitiative die Kettensägen verstummen lassen?

Halling: Die Bürgerinitiative wendet sich nicht gegen Leute, die sich hier ansiedeln und Bäume schlagen müssen, weil sie ein Haus bauen wollen. Wir setzen auf Überzeugungs- und Zusammenarbeit, nicht auf Konfrontation. Es werden weiter Kettensägen kreischen, aber man muss dafür sorgen, dass es in einem vernünftigen Maß geschieht. Wir wollen unnötiges Baumfällen verhindern, dort, wo es baulich eben nicht zwingend ist. Moderne Architektur bezieht die Bäume mit ein.

Anlass für die Gründung der Initiative war die Fällung eines Kiefern-Solitärs. Was haben Sie gedacht, als diese seltene Schöpfung der Natur am Boden lag?

Halling: Für mich ist das schon eine üble Sache gewesen. Ich habe diesen Baum gemalt, weil er mir gefallen hat und zu einem Ensemble gehört. An dieser Stelle ist ja noch mehr passiert. Dort ist ein Stück Wilhelmshorst verloren gegangen, was nicht hätte verloren gehen müssen. Auf dem Grundstück gegenüber war ein Wäldchen, das bis auf zwei, drei Bäume völlig verschwunden ist. Das war für uns ein letztes Rufzeichen: „Vorsicht, so kann es nicht weiter gehen.“

Hatten Sie Wut auf jene, die das angestellt haben?

Halling: Wut ist das falsche Wort. Es ist eher die Sorge um den einmaligen Charakter des Ortes.

Sagen die Baumgutachter zu oft ja zu Fällungen?

Halling: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass sie ihre Arbeit gut machen, aber ich weiß nicht, wie groß der Druck auf sie ist von Leuten, die andere Interessen haben.

Wer macht den Druck?

Halling: Der Druck kommt von den Grundstückseigentümern, von den Baufirmen. Ich glaube nicht, dass er von der Gemeindeverwaltung kommt. Meine bisherigen Erfahrungen mit der Gemeindebehörde sind positive.

Warum benehmen sich manche Zuzügler, die doch die grüne Idylle suchten, wie die Axt im Walde?

Halling: Man muss zunächst sagen: Es sind nicht viele, die sich so benehmen, aber es kommt vor. Ich glaube, es ist vor allem Kurzsichtigkeit. Ihnen ist nicht klar, dass sie dem Charme des Ortes abträglich sind. Wobei ich denke, dass das Problem eher die Ausführenden, die Baufirmen sind. Sie haben mitunter nur das eine Haus im Blick, aber kein Gefühl für die Umgebung, für den Ort Wilhelmshorst. Es gibt aber auch gute Beispiele, bei denen man nicht meckern kann. Eine Aufgabe ist es auch, die neuen Bewohner zu informieren. Wir wollen ein Merkblatt erarbeiten, auf dem sie die wichtigsten Informationen zum Beispiel über den Baumschutz und die Bauordnung erfahren. Wissen Sie zum Beispiel, was ein Baum wert ist?

Ich habe keine Ahnung.

Halling: Ein ausgewachsener Baum ist mehrere 10 000 Euro wert. Es ist nicht der Holzwert, es ist der Wert des Baumes als Element in der Wohngegend, als Sauerstoff- und Schattenspender. In Berlin wird ein Exemplar auf 100 000 Euro geschätzt, die Fällung kostet 2000 Euro. Die Abholzung ist auch Wertvernichtung. Die Grundstücke in Wilhelmshorst sinken im Wert, wenn die Bäume weggeschnitten werden. Es sind also nicht nur romantische Gefühle, die für den Erhalt von Bäumen sprechen.

Sie sind gebürtiger Österreicher, haben lange im Rheinland gelebt. Was macht Wilhelmshorst aus, was fasziniert Sie an dem Ort?

Halling: Es ist das Wohnen mit den Bäumen und die architektonische Gestaltung des Ortes. Als ich hierher kam, habe ich gedacht: Dass es so etwas schönes noch gibt! Bei mir sind da Heimatgefühle aufgekommen. In meinem Geburtsort Wiener Neustadt gab es auch viele Kiefern, dort wurden sie Föhren genannt. Ich mag die Kombination von Kieferngruppen und Wohnhäusern. Wilhelmshorst ist ja auch eine gewachsene Siedlung mit Stil. Der Architekt Gessner hat hier architektonische Kunst rein gebracht. Ich vermisse diese Tradition. Wo sind die Gessners von heute? Jeder schaut auf sein Haus, was ringsherum ist, ist nur noch sekundär. Es fehlt ein Plan, der Ordnung in das Durcheinander bringt. Die Japaner sprechen von der geborgten Landschaft. Wenn eine Betonwüste um mich herum entsteht, dann nützt mir das schönste Grundstück nichts mehr.

Geht das Paradies verloren?

Halling: Ein Paradies gibt es in meinen Augen nicht. Man muss seine Umwelt so gestalten, dass man sich wohl fühlt. Es gibt aber einen schleichenden Prozess der Umweltveränderung, der erst wahrgenommen wird, wenn es zu spät ist.

Wie viele Fällungen hält Wilhelmshorst noch aus, bevor es seine Seele verliert?

Halling: Mit Zahlen muss man vorsichtig sein. Die Nachricht, dass im vergangenen Jahr 700 Bäume in der Gemeinde Michendorf trotz Baumschutzsatzung legal gefällt wurden, ist schon so etwas wie eine Warnglocke, die signalisiert: „Pass auf, du kannst leicht zu viel tun.“ Dann muss man 100 Jahre warten, bis etwas vergleichbares wieder entstanden ist. Auch wenn man nachpflanzt: Es dauert zwei Generationen, bis so etwas wieder gut gemacht werden kann.

Wie sieht der Gegenplan der Bürgerinitiative aus?

Halling: Wir wollen selbst einige Dinge tun, die bisher nicht gemacht wurden. Wir wollen zum Beispiel ein Baumkataster erarbeiten, wollen also eine Liste von Bäumen aufstellen, die besonders geschützt werden sollten. Wir haben in Wilhelmshorst derzeit keinen Baum, der mit Umweltplakette geschützt ist. Das ist ein Witz. Hier im Ort gibt es einige sehr schöne, besondere Bäume. Wir wollen auch die Entwicklung eines zukunftsorientierten Leitbildes zur Ortsgestaltung anstoßen und Vorschläge für modernes Bauen unter Einbeziehung der Bäume machen. Es sollen künftig auch regelmäßig Ortsbegehungen stattfinden.

Sie haben 40 Bilder von Wilhelmshorst gemalt. Wie viele der Motive gibt es inzwischen nicht mehr?

Halling: Zwei sind schon weg, darunter das Solitär. Zwei sind unmittelbar bedroht.

Welche sind bedroht?

Halling: Das Edlef-Köppen-Haus und die ehemalige Schulküche. Nachdem ich die 40 Bilder gemalt hatte und das Plakat mit den Bildern übergab, habe ich zur Bürgermeisterin gesagt: „Ich wünsche mir nicht, dass man in ein paar Jahren sagt: So hat Wilhelmshorst einmal ausgesehen.“ [3/4-Seitenbericht, MAZ 9.1.08]

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