Wilhelmshorst

Die Waldgemeinde in Brandenburg

Der Baumeister von Michendorf

~Akteure des Heimatverein holen die Geschichte des Teltomat-Geländes ans Licht Der gelernte Maurer Gustav Dübener hatte ein Gespür für die Chancen seiner Zeit. Nachdem er 1904 in Sachsen-Anhalt eine eigene Baufirma gründete, zog es ihn zehn Jahre später nach Berlin. Dort ging die Post ab, konnte Aufbauarbeit geleistet werden. Kurz vor den Toren der Reichshauptstadt entdeckte er auch den richtigen Standort für seine Pläne: Michendorf. Von dem kleinen Ort aus sollte Dübener später zum erfolgreichen Bauunternehmer aufsteigen, dessen Referenzobjekte über ganz Deutschland verteilt sind. Hier sollte er aber auch seinen Betrieb verlieren und 1945 auf tragische Weise ums Leben kommen.

Mit der Ansiedlung von Dübeners Firma etwa im Jahr 1914 beginnt die Geschichte des Areals, das die Michendorfer heute Teltomat-Gelände nennen. Die Vergangenheit der Industriebrache im Herzen des Ortes holte der Heimatverein jetzt ans Licht, widmet ihr eine Ausstellung, die am 17. Mai eröffnet wird.

Welche Argumente vor 95 Jahren für den Michendorfer Standort sprachen, ahnt Ortschronist Hans-Joachim Strich. Der kleine Ort lag nicht nur in der Nähe Berlins, er lag auch an der Wetzlarer Bahn, die von der deutschen Hauptstadt bis zur französischen Grenze führte. Gebaut wurde sie zu Bismarcks-Zeiten, um sich für den Deutsch-Französischen Krieg zu rüsten und Kanonen an die Grenze Frankreichs zu transportieren. „Die Wetzlarer Bahn wurde deshalb auch Kanonenbahn genannt“, sagt Strich. Als Dübener das Gelände zwischen Post- und Potsdamer Straße ins Auge fiel, sah es wahrscheinlich nicht viel anders aus als heute. Es war eine verlassene Brache, auf der zwei Industriehallen standen. Die hatte sein Vorgänger hinterlassen, der dort metallene Gewehrschäfte produzierte, aber dann Pleite ging.

Dübener kaufte das Gelände, verlegte den Firmensitz dorthin und schuf für das Areal einen Schienenanschluss. Von Michendorf aus schwärmten seine Arbeiter und Baufahrzeuge aus, um Häuser und Straßen in Berlin zu bauen. In Potsdam schufen sie die Straßenbahnlinie von der Innenstadt bis zur Michendorfer Chaussee, die es heute nicht mehr gibt. Auch am Verschiebebahnhof in Seddin und an der Reichsautobahn baute Dübener und seine Leute mit, errichteten die Autobahnbrücke über die heutige B 2. Nach 1933 war der Betrieb zudem am Aufbau des Volkswagenwerkes in Fallersleben (heute Wolfsburg) beteiligt, sagt Hans-Joachim Strich. Der Heimatforscher bekam viele Jahre später von der früheren Reinemachefrau Gustav Dübeners ein Gedicht geschenkt, das die Mitarbeiter dem Firmengründer 1924 zum 20-jährigen Betriebsjubiläum schrieben. „Er war unter seinen Mitarbeitern beliebt“, sagt Strich. Noch heute gibt es Häuser im Ort, die Dübener für seine Arbeiter bauen ließ. Er selbst hatte sich in der Potsdamer Straße eine Villa errichtet, in der jetzt die Gemeindeverwaltung und Michendorfs Bürgermeisterin sitzen.

Das Leben des Bauunternehmers nahm 1945 ein tragisches Ende. „Der Hausmeister fand ihn im April 1945 tot hinter der Eingangstür seines Hauses“ – getroffen von MP-Kugeln sowjetischer Soldaten. Ortschronist Strich vermutet, dass die Rotarmisten Einlass in sein Haus forderten. „Er war damals schon alt. Wahrscheinlich hat er es nicht rechtzeitig geschafft, die Tür zu öffnen“, vermutet Strich. Die Soldaten schossen durch die verschlossene Tür und trafen Gustav Dübener. Die Firma wurde enteignet, weil man ihn als „Kriegsgewinnler“ sah. Das geht aus einem Schreiben des Landrates des Kreises Zauch-Belzig von 1946 hervor. Wahrscheinlich nahm die Besatzungsmacht übel, dass die Firma auch am Bau des Westwalls beteiligt war, ein militärisches Verteidigungssystem an der Westgrenze Deutschlands.

Aus dem Unternehmen wurde der VEB Tief- und Straßenbau Michendorf. Der Volkseigene Betrieb wechselte ab und an den Namen und landete 1970 unter dem Dach des Teltower Werkes für Baumaschinen „Teltomat“. Bis Mitte 1991 wurden im Michendorfer Teltomat-Betrieb Teile für Baumaschinen hergestellt. Seitdem stehen alle Räder still, passierte auf dem Gelände nichts mehr. (Von Jens Steglich) [Bericht mit 3 Fotos MAZ, 8.5.09]

Kommentare sind geschlossen.